Vincent von Freaky Finance hat es fast geschafft

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Hallo Vincent, ich freu mich, Dich in dieser Reihe interviewen zu dürfen. Erzähl uns was von Dir!

Ja, gerne. Ich bin Vincent (Jahrgang 1976) und ich arbeite als Techniker in einem Weltkonzern. In meiner Freizeit blogge ich auf „freaky finance“. Inhaltlich geht es dabei hauptsächlich um Finanzen aber auch um Reisen und Routinen.

Wie und wann ist Dein Wunsch nach finanzieller Freiheit entstanden? Gab es dafür Vorbilder?

Schon nach der Ausbildung habe ich oft gesagt, dass ich mit 30 gerne in Rente gehen würde. Den Begriff der finanziellen Freiheit kannte ich zu der Zeit noch nicht aber schon damals habe ich viel gearbeitet, gut verdient und das Meiste investiert, damit es auch mit der angestrebten „Frührente“ klappt. Vorbilder hatte ich dabei keine. Höchstens im umgekehrten Sinne. Ich habe die älteren Kollegen angesehen. Oft kamen die mir unzufrieden, teilweise verbittert vor. Und das obwohl wir in einer wirklich tollen Firma mit Spitzengehältern arbeiten. So wollte ich jedenfalls nicht „enden“.

Mit welcher Finanzstrategie baust Du Vermögen auf?

Ich in ein ganz großer Fan von Diversifikation. Angefangen habe ich mit Aktien. Kurze Zeit später kam die erste Immobilie dazu. Da haben die teilweise doppelt so alten Kollegen mich mit meinen 20 Jahren schon als Freak wahrgenommen. Manche fuhren vielleicht ein tolles Auto, aber ein Wertpapierdepot oder vermietete Immobilien konnten die wenigsten ihr eigen nennen. An der Börse habe ich schließlich auch vieles ausprobiert. Als junger Wilder hat man da ja noch Spaß dran und man lernt die Märkte so definitiv gut kennen. Irgendwann wurde mir das zu stressig und ich habe mehr auf breit gefasste passive Fonds gesetzt. Einzelaktien kaufe ich auch heute noch. Aber eher Qualitätsaktien, die ich dann einfach im Depot liegen lasse. Auf Neudeutsch nennt man das „buy and hold“.

Dann kamen P2P-Kredite als Anlageklasse dazu. Im Moment ist das ja fast schon „hip“. Ich habe 2009 bei smava angefangen, dann viel über auxmoney investiert und schließlich bin ich auch bei den baltischen Anbietern gelandet. Also auch innerhalb der Anlageklasse habe ich meine Investitionen bei inzwischen 9 Plattformen gut diversifiziert. Als Absicherung und weitere Assetklasse habe ich auch Edelmetalle im Depot. Aus der anfangs erwähnten Wohnung sind über die Jahre inzwischen 7 geworden. Neben den Immobilien-Direktinvestitionen bin ich seit über einem Jahr auch in Immobilien-Crowdinvesting Projekten investiert. Ich fühle mich mit dieser breiten Streuung einfach wohler und habe nicht alles auf eine Karte gesetzt. Wenn die Börse crasht muss der Immobilienmarkt nicht zwangsläufig gleichzeitig auch einbrechen und umgekehrt und wenn doch habe ich noch P2P-Kredite und Gold….

Wie weit bist Du auf dem Weg zum Ziel?

Über meinen Weg in die finanzielle Freiheit habe ich mal einen Blog-Artikel geschrieben, der sogar ein kleines Gewinnspiel gewinnen konnte.

Per Definition („passives“ Einkommen übersteigt die Ausgaben) habe ich die finanzielle Freiheit erreicht. Nur lebe ich sie noch nicht so wie ich es mir eigentlich selbst vorstelle. Das hat verschiedene Gründe. Da ist die Angst, dass das Ganze nur eine Momentaufnahme ist. Bleibt der Status auch nach dem nächsten wirklich großen Börsencrash, nach einer massiven Abwertung der Immobilienpreise oder den ersten Pleiten von P2P-Plattformen, die mich betreffen, erhalten?

Rational denkend weiß ich, dass ich durch meine Diversifikation einen guten Schutz aufgebaut habe und dass Dividenden und Mieten nicht ins Bodenlose fallen werden, nur weil die Aktien und Immobilien weniger wert sind. Aber dieses enorme Sicherheitsdenken habe ich noch nicht ganz überwunden, obwohl ich mit den Anlageklassen, in die ich investiere auch teilweise in der Abteilung „hohes Risiko“ unterwegs bin. Der Widerspruch ist mir bewusst!

Dazu kommt, dass ich mich jahrelang hart hochgearbeitet habe und es mir nun bei vergleichsweise hohem Gehalt in meiner Position ganz gut geht und ich nicht mehr viel auszustehen habe. Seit über einem Jahr arbeite ich nur noch 3 Tage in der Woche. Das sind zwar die Tage Freitag bis Sonntag aber dafür bekomme ich sogar etwas mehr Gehalt als für das „normale“ Arbeitszeitmodell. Das Ganze in Südfrankreich. Ich würde es als Quatsch empfinden, das aufzugeben. Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern oder ich eine Abfindung angeboten bekomme, so die Überlegung, kann ich das immer noch machen.

Insgesamt verfälscht diese Auslands-Entsendung das Bild eben etwas. Der Normalzustand zurück an meinem Heimatstandort, mit den normalen Arbeitszeiten, dem dort niedrigeren Gehalt und dem oft schlechten Wetter sind schwer zu simulieren. Aktuell habe ich meinen Vertrag für das Ausland bis Ende 2018 verlängert. Solange kann ich mir momentan eine Kündigung nicht vorstellen. Nach meiner Rückkehr möchte ich auf keinen Fall wieder 5 Tage in der Woche ins Büro. Ich werde versuchen die Stunden auch dort zu reduzieren und mal ein Jahr Auszeit nehmen und wenn ich dann gar keine Lust mehr auf den Hauptjob habe und das passive Einkommen immer noch reicht, hau ich vielleicht in den Sack!

Trotz 3-Tage Woche bin ich absolut ausgelastet. Die passiven Einkommensströme werden ihrem Namen oft leider nicht zu 100% gerecht und ich muss mich um vieles kümmern. Dazu kommt seit dem letzten Herbst der Blog. Insgesamt muss ich dringend Abläufe automatisieren und Aufgaben outsourcen bevor ich wirklich ein Leben in finanzieller Freiheit verspüre. Es hilft ungemein ein großes Vermögen zu haben. Frei fühle ich mich deswegen NOCH nicht. Ich arbeite dran 😉

Was würdest Du als wesentliche Hürden bezeichnen, die Dich von Deinem Weg schon mal abgebracht haben oder bei denen Du befürchtest, dass sie Dich abbringen könnten?

Zum Beispiel die eben beschriebene Angst und das vielleicht übertriebene Sicherheitsdenken. Da könnte ich sicher ein ganzes Stück weit lockerer werden. Damit verknüpft ist auch, dass ich diesen Arbeitszwang dermaßen verinnerlicht habe, dass es gar nicht so einfach ist gute Chancen auch mal sausen zu lassen und mich dadurch zu entlasten. Aus alter Gewohnheit nehme ich noch immer fast jede Gelegenheit mit, mein Vermögen zu vergrößern. Leider ist das eben oft auch mit Arbeit und sogar Stress verbunden. Davon muss ich mich frei machen.

Generell können Beziehungen und das soziale Umfeld einen vom Weg abbringen. Partner und Freundeskreis sind oft nicht auf dem gleichen Weg. Da fehlt es nicht selten an Verständnis. Ein Leser von mir hat mal gesagt er versucht es „sozialverträglich“ zu gestalten. Das finde ich ziemlich perfekt ausgedrückt und es ist sehr schwer. Je nach genauer Konstellation sogar unmöglich. Mit einem Partner, der den gleichen Weg gehen möchte hat man natürlich wiederum tolle Voraussetzungen! Aber auch da kann es zur Trennung oder Scheidung kommen, was oft auch finanzielle Folgen hat.

Zudem gibt es Menschen, die einem alles schlecht reden. Sei es aus (verstecktem) Neid, oder aufgrund einer völlig anderen Lebensphilosophie. Das kann einen auch mürbe machen.

Zu guter Letzt fallen mir noch finanzielle Fehler ein. Da habe ich auch einiges durch. Ich hab mir früher auch Finanzprodukte andrehen lassen, die sich nicht unbedingt als vorteilhaft herausgestellt haben. Eine ganze Branche lebt davon dem unwissenden Volk wissentlich suboptimale Produkte anzudrehen. Ich hatte auch das „Vergnügen“ mit den Herren Bankverkäufern und Versicherungsfuzzis. Darüber hinaus habe ich auch eigene fatale Entscheidungen getroffen und beispielsweise ca. 200.000€ in verschiedenen geschlossenen Beteiligungen versenkt!

Von meinem Weg abgebracht hat mich bisher nichts davon – aber der Weg ist dadurch natürlich länger und unbequemer geworden! 

In wie vielen Jahren oder mit welchem Vermögensstand planst Du Deine finanzielle Freiheit erreicht zu haben?

Ich gehe aktuell davon aus, dass das nötige Vermögen angehäuft ist. Ziel ist es nun bis spätestens zum Ende meiner Auslands-Entsendung die oben angesprochenen Dinge so zu regeln, dass ich tatsächlich noch mehr nach meinen Vorstellungen leben kann und die Freiheit deutlicher spüre.

Ich muss dazu sagen, dass bei mir vieles selbstgemachter Stress ist und ich hier auf verdammt hohem Niveau „jammere“!

Wie sieht Dein Leben aus, wenn Du Dein Ziel erreicht haben wirst? Wie stellst Du Dir das vor?

Das ist der wirklich interessante Punkt. Werde ich meinen sicheren und äußert lukrativen Job nach meinem Auslandseinsatz aufgeben, um da zu wohnen wo ich möchte? Ich bin ein absoluter Sonnenmensch! Oder reduziere ich die Wochenarbeitszeit auf das absolute Minimum und bleibe im oft grauen und verregneten Hamburg?

Realistischer ist wohl letzteres. Ein Leben in der Sonne ist toll. Aber das soziale Umfeld, die Menschen, die einem wichtig sind, Freundin, Freunde und Familie, kann man eben nicht so einfach mitnehmen.

Also viel Reisen und definitiv die eine oder andere Auszeit! Wo, weiß ich also noch nicht genau, aber an irgendwelchen Projekten und Geldanlagen werde ich wohl ewig arbeiten, weil es mir einfach Spaß macht! Aber dabei darf es gerne noch etwas entspannter zugehen als zurzeit.

Was glaubst Du, werden die wesentlichen Vorteile Deines zukünftigen Lebens zu Deinem bisherigen Leben sein?

Ich hoffe, dass ich die bereits angesprochenen Automatisierungen und Auslagerungen wirklich realisiere. Vielleicht stelle ich auch einige Projekte ein. Da müsste ich mal die 80/20 Regel anwenden und aussortieren. Es liegt nur noch an mir ein selbstbestimmtes Leben zu führen, die Freiheit noch intensiver zu spüren, zu leben und zu genießen!

Kannst Du Dir auch Nachteile der finanziellen Freiheit vorstellen?

Da kommen mir eigentlich nur Neid und Unverständnis in den Sinn. Es wird immer Neider geben und Leute, die nicht kapieren was finanzielle Freiheit bedeutet. Es ist halt „anders“ – von daher muss man damit rechnen, dass es nicht bei jedem auf Gegenliebe stößt. Langeweile, nur weil ich nicht mehr arbeiten müsste, kann ich mir in meinem Fall beim besten Willen nicht vorstellen. Auch andere mögliche Nachteile fallen mir auf Anhieb nicht ein. Das muss aber nicht heißen, dass es sie nicht geben wird.

Was erfahren Leser auf Deinem Blog?

„freaky finance“ kommt passend zum Namen manchmal etwas unkonventionell daher. Ich versuche Inhalte weniger steif, dafür mit einer Portion Lockerheit rüberzubringen, ohne dabei unseriös zu wirken oder gar zu sein. Ich probiere Dinge aus – dabei scheue ich gewisse Risiken nicht – und berichte darüber. Unter anderem auch von meinen finanziellen Fehlern oder Problemen. Ich bin auch längst nicht perfekt! Thematisiert wird alles Mögliche, was mit Finanzen zu tun hat. Hauptsächlich die Anlageklassen, in die ich selbst investiere. Hin und wieder kombiniere ich das mit Reisen, Sport und Routinen. Außerdem veröffentliche ich vergleichsweise viele Gastartikel von anderen Bloggern oder von Lesern. Das finde ich sehr spannend und es bringt zusätzlich Pepp in den Blog!

Vielen Dank, Vincent, für diesen offenen und ausführlichen Einblick in Dein Leben! 

 

Ein Kommentar

  1. Hallo,

    auf Vincent und seine Seite sind wir vor einiger Zeit aufmerksam geworden und wir konnten auch schon kurz (über Instagram) mit ihm quatschen bzw. schreiben. 🙂 Ein sehr sympathisch wirkender Typ, was seine lebensnahen Aussagen in diesem Interview unserer Meinung nach bestätigen.

    Wir beschreiten einen „ähnlichen“ Weg, wobei „ähnlich“ natürlich aus 10.000 Graustufen besteht. 😉 Es stimmt, trotz aller positiven Punkte der finanziellen Freiheit: Es ist ein verdammt hartes Brot diesen Werdegang mit seinem Umfeld zu teilen. Damit ist nicht gemeint, dass dieser Weg der einzig wahre für jedermann ist, damit ist lediglich gemeint, dass Vorurteile und auch Neid zu bis dato unbekannten Problemen führen können. 😉 Aber dazu hat Vincent ja bereits vieles gesagt bzw. geschrieben.

    Zusammenfassung: Ein gutes Interview! 🙂

    Liebe Grüße vom Pelzigen und Behörnten

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