Auf der Suche nach dem Sinn

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Pascal am Strand Pascal habe ich in unserer Facebookgruppe kennengelernt und seine Reise durch die Welt aber besonders seine Reise und Suche nach dem Sinn haben mich sehr beeindruckt. Wir konnten ein sehr spannendes Interview miteinander führen. Pascal ist heute 30 Jahre alt und bereits seit gut zwei Jahren finanziell frei.

Pascal, seit wann reist Du durch die Welt?

Eigentlich reise ich inzwischen gar nicht mehr so viel. Die meiste Zeit im deutschen Winter lebe ich in Thailand. Dort habe ich drei Jahre (nicht am Stück) auf der Insel Phuket im selben Ort und ab dem zweiten Jahr im selben Haus gewohnt. 2016 war ich wieder auf dem Weg nach Thailand, gab aber dem vielen negativen Feedback der Menschen nach („du bist so dämlich, du kannst die ganze Welt bereisen und fliegst jedes Jahr in den selben Ort“) und reiste nach Australien, weil mir dies alle Menschen empfohlen hatten. Während die Australien-Reise für 12 Monate geplant war, entschied ich mich nach ca. sechs Monaten auszureisen und wieder nach Phuket zu gehen.

Tatsächliche habe ich selbst kein echtes Bedürfnis zu reisen, in dem Sinne wie es häufig verstanden wird. Da es in meinem Leben sowieso wenig Kontinuität gibt, bin ich sehr froh, wenn ich für ein paar Monate eine gewohnte Umgebung habe. Ich habe mich bisher problemlos überall auf der Welt zurecht gefunden. Aber alle paar Wochen einen Zahnarzt, einen Frisör, ein Fitnessstudio, eine lokale SIM-Karte, etc. zu suchen, zerrt unheimlich an den Nerven. Hinzu kommt, dass mir Phuket so gut gefallen hat, dass es für mich nicht die geringste Notwendigkeit gab, woanders hin zu reisen. Wahrscheinlich habe ich in den drei Jahren auf Phuket weniger von dieser Insel gesehen habe, als es viele Urlauber in zwei Wochen tun. Ich kenne vermutlich nicht mal zwei der Top 10 Sehenswürdigkeiten, ich habe mein kleines Dörfchen in den drei Jahren vielleicht 10 x verlassen und war immer froh zurück zu kommen. Ich liege häufig einfach nur in meinem klimatisierten Zimmerchen, scrolle durch Facebook oder mache andere unnütze Dinge, die vermutlich kein anderer Normalsterblicher machen würde, wenn er die Möglichkeit hätte ein paar Monate in Thailand zu sein. Doch in meinem Innersten bin ich damit einfach sehr zufrieden. Und warum sollte ich mich an Anderen orientieren?

Die Sommermonate verbringe ich bisher immer in meiner Heimat in Kassel und reise von dort manchmal tage- und wochenweise in Deutschland oder Europa herum. Während ich dort über viele Immobilien zur Vermietung verfüge, verfüge ich über keine einzige selbstgenutzte Wohnung mehr. Somit wohne ich die paar Monate in Deutschland immer in Hotels oder in Ferienhäuser.

Wie erlebst Du die finanzielle Freiheit? Warum reist Du?

Das Reisen hat mir sehr geholfen über viele Dinge noch klarer zu werden, die ich vorher vielleicht nicht so deutlich gesehen habe. Ich entwickle mich immer mehr hin zum Minimalismus. Ich schlafe immer häufiger in immer günstigeren Unterkünften. Ich fahre immer häufiger günstigere Fahrzeuge. Ich esse einfachere Sachen. Und ich merke dabei, dass es mein Glück und meine Zufriedenheit nicht nur nicht verringert werden, sondern dass ich mich vielleicht sogar wohler damit fühle. Ganz explizit bin ich noch immer kein Konsum- oder gar Kapitalgegner. Ich bin noch immer ein großer Fan von beidem, merke einfach nur selbst, dass ich persönlich mit Ursprünglichkeit und weniger Dingen glücklicher bin.

Was ich bei meinen Reisen noch mehr gelernt habe, ist die Fokussierung auf den Wert des Lebens. Ich habe schon immer gewusst, wie wertvoll mein Leben ist. Deswegen habe ich auch nach meinem 20. Lebensjahr nie mehr 40 Stunden pro Woche gearbeitet und erst recht niemals etwas, was mir keine Freude bereitet. Weil es für mich einfach keinen Sinn ergibt. Aber meine Schwelle, die Zufriedenheit meines Lebens in den Vordergrund zu stellen, ist immer extremer geworden. Während ich früher gesagt habe: „Wenn all mein Geld weg ist, dann arbeite ich lieber 30 Stunden und fahre einen BMW, als dass ich 60 Stunden arbeite und einen Porsche fahre“, sage ich heute: „Lieber arbeite ich 20 Stunden und fahre ein altes Fahrrad als 30 Stunden, um ein Auto zu fahren.“ So sehr ich (tolle) Autos auch liebe. So sehr sind mir heute 10 Stunden beliebig nutzbare Freizeit wesentlich mehr wert als irgendein Auto. Das heißt nicht, dass ich mal wieder 60 Stunden arbeite, wenn mir das Arbeiten selbst unglaublich Spaß macht. Aber sicherlich niemals um mehr Geld zu erwirtschaften, als ich für Essen, Trinken und Wohnung benötige. Ob sich meine Einstellung noch weiter runter schrauben wird, weiß ich aktuell noch nicht. Muss ich auch nicht wissen. Es wird sich irgendwie entwickeln.

Bei meinen bisherigen Reisen habe ich bemerkt, dass ich mich in einfacheren Ländern am wohlsten fühle. Obwohl Thailand schon sehr zivilisiert ist, gefällt mir das dortige Leben wesentlich besser als es beispielsweise in Australien oder Deutschland der Fall ist. Natürlich hat jedes Land seine Vor- und auch Nachteile. Aber immer mehr kann ich immer weniger mit dem „westlichen Lebensstil“ anfangen. Es ist mir im Prinzip egal, ob alle Menschen um mich herum immer und immer mehr in ihrem Hamsterrad strampeln. 40 Stunden die Woche arbeiten und jede Gehaltserhöhung in ein größeres Auto, größeres Haus, teurere Urlaube und teurere Restaurantbesuche stecken, wie ich es in Deutschland und auch Australien kennengelernt habe.

Heißt das, dass es für Dich in Asien deutlich größere Vorteile gibt? 

Nein, nicht unbedingt. Jedes Land hat Vorteile- und Nachteile, ganz klar. Ich glaube aber auch, dass Zufriedenheit zu mindestens 90% aus dem Inneren kommt. Egal ob ich in Deutschland, Australien, Thailand, Bali, Amerika, Frankreich oder sonst wo war: Ich hatte immer Dinge, die ich an dem jeweiligen Land speziell zu schätzen wusste und ich hatte in jedem Lang Dinge, die mich eher gestört haben. Aber insgesamt war ich in jedem Land zufrieden. Ganz einfach, weil ich mich ob der schönen Dinge erfreut und nicht ob der anderen Dinge gestört habe. Im Sommer 2016 habe ich eine der besten Zeiten meines Lebens in Deutschland verbracht. Ich war der glücklichste Mensch der Welt. Andersrum hatte ich bei der anschließenden Australien Reisemomente, wo ich unglücklich war. In Australien, zwischen Kängurus, am Strand. Kann man da unglücklich sein? Für viele womöglich unvorstellbar: Man kann. Ich bin überzeugt davon, dass Reisen die eigenen Gefühle und Gedanken verstärken kann. Übrigens genau wie Geld. Aber wer glaubt, dass sein aktuelles Unglücklichsein mit dem Wechsel in ein anderes Land oder dem Verdienen von mehr Geld besser wird, den muss ich leider enttäuschen.

Pascal bei der ArbeitLass uns über Geld reden, wie finanzierst Du Dein Leben ? 

Gerne, ich gehe sowieso sehr offen mit meinen Finanzen um. Dies liegt aus meiner Sicht weniger daran, dass ich erzählen möchte, wie viel ich habe, sondern eher, wie viel ich eigentlich „nur“ habe. Von Leuten werde ich häufig auf gleiche Stufe mit Multi-Millionären oder noch reicheren Leuten gestellt. Dabei liege ich rein objektiv gesehen finanziell näher an einem McDonalds-Besitzer als an einem 100 Millionen € Unternehmer.

Das für mich wichtigste ist, dass ich über Einnahmen verfüge, für die ich nichts tun muss. Ich bekomme jeden Monat Gelder überweisen, ohne dafür arbeiten zu müssen. Ich habe bereits mit 14 angefangen, als damals jugendlicher Unternehmer zu arbeiten und das habe ich munter mit vielen Firmengründungen ausgebaut. Zum Teil habe ich diese bis heute wieder verkauft, zum Teil bin ich weiterhin Eigentümer, lasse aber Geschäftsführer die Geschäfte machen. Aus dem Gewinn durch den Unternehmensverkauf habe ich mir dann Immobilien gekauft, die werden aber auch durch Hausverwaltungen verwaltet. Und ein paar Aktien, aber die machen ja auch wenig Arbeit.  Immobilien sowie Aktien sind damit meine Einnahmequellen Nummer 2 und 3.

Aktuell verfüge ich monatlich über ein Einkommen, welches ca. 8-10x höher ist, als meine eigentlichen Lebenshaltungskosten.

Ich nehme an, das wird bis zu Deinem Lebensende und danach noch reichen, oder? 

Ja, für mich ist es extrem wichtig zu wissen, dass mein Geld bis zu meinem Tod reichen wird. Ich könnte niemals ein entspanntes Leben im Strand in Asien genießen, wenn ich wüsste, dass ich ggf. mit 65 Jahren verarmt bin und „keine Rente“ habe. Ich habe meine Finanzplanung sehr konservativ durchgeführt und rechne beispielsweise fiktiv mit dem Verlust von 80% meines Vermögens. Selbst in diesem Szenario kann ich von dem Ertrag meines Vermögens zehren, ohne dass es weniger wird. Außerdem habe ich meine Finanzplanung so berechnet, dass die Auszahlungen an mich ohne Kapitalverzehr erfolgen. Das heißt: Mein Vermögen wird jeden Monat größer und ich darf mir irgendwann überlegen, wem ich ein mittelgroßes Vermögen vererbe. Da dies vermutlich keine Kinder sein werden, werde ich vielleicht nach meinem Tod mit einem Artikel „Millionenspende für das Kasseler Tierheim: Kasselaner reist 60 Jahre um die Welt und hinterlässt dem Tierheim das gesamte Vermögen“ in die Zeitung eingehen. Ein ziemlich reizvoller Gedanke.

Das hört sich jetzt alles toll an, dennoch will ich mal ein bisschen bohren. Immer nur am Strand liegen, ist das über einen langen Zeitraum toll? 

Ja, da gibt es einen kleinen Knackpunkt. Auch wenn viele Menschen das ich nachvollziehen können und mir unterstellen, ich müsste doch der glücklichste Mensch auf der Welt sein, dass ist nicht immer so. Sicherlich bin ich weit, weit davon entfernt unglücklich zu sein. Das Leben ist toll. Und trotz allem fehlen mir nach 3 Jahren Nichtstun langsam die Aufgabe und der Sinn. Jeden Tag aufwachen, wann man möchte, an den Strand gehen, Sport machen, Cocktails schlürfen, Tauchen und Boot fahren, geben mir keine Erfüllung mehr. Und auch wenn ich sehr ungern meine Situation auf andere übertrage, hier lehne ich mich mal soweit aus dem Fenster: Auch wenn sich niemand vorstellen kann, dass man mit 100% Freiheit und Gesundheit unzufrieden sein kann, bin ich mir sicher, dass jeder dies wäre. Ich habe unglaublich viele Hobbys und ich bekomme meinen Tag mit all diesen gut gefüllt. Trotz allem fehlt jeden Abend ein Zufriedenheitsgefühl, wenn man einen Job vollendet hat. Ich formuliere es immer gerne so: Wenn du fünf Stunden in der Sonne Rasen gemäht hast, ist ein kühles Bier das leckerste vorstellbare danach. Wenn du drei Jahre lang nichts tust und dir abends ein kühles Bier auf deinen Erfolg nichts mehr tun zu müssen genehmigst, so schmeckt dies die ersten Monate. Aber irgendwann nicht mehr. Und so blöd es klingt: Mir fehlen auch und insbesondere die negativen Momente, die jeder Job mit sich bringt. Früh aufstehen, obwohl es in dem Moment nervt, sich mit nervenden Kunden auseinandersetzen oder aber auch mal Konfliktsituationen lösen. Vermutlich fehlt mir das Yin in einem Yin und Yang. Wenn nämlich alles im Leben perfekt ist, dann ist automatisch trotzdem etwas das perfekteste und das unperfekteste.

Und in meinem aktuellen Leben ist der Cocktail am Strand, wo ein Spritzer Zitrone zu viel drin ist, eben das negativste, was passiert. Und automatisch fange ich dementsprechend an mich zu beschweren, wenn der Champagner auf dem First Class Flug nicht mehr die notwendige Spritzigkeit hat. Ganz einfach weil es kein anderes „negatives“ Merkmal mehr gibt, was die Relationen korrekt fühlen lässt. Ich kann wirklich sagen, dass mir Konflikte, Nachteile, Ärgernisse in meinem Leben fehlen.

Das kann ich sehr gut nachvollziehen und das sind auch die Erfahrungen vieler finanziell freier Menschen. Wie willst Du damit umgehen? 

Tatsächlich habe ich lange gesucht und überlegt, ausprobiert und verworfen. Das ist echt nicht einfach, wenn man eigentlich alles machen kann und dies aber nicht tun muss. Weil man eben auch schnell die nervigen Seiten von jeder Beschäftigung sieht und es dann lieber gleich bleiben lässt. Es brauchte einen ganz schönen innerlichen Druck bis ich mich wenigstens ein bisschen festlegen konnte. Ich weiß, das können viele nicht verstehen, aber hinter mir liegt inzwischen ein mehrjähriger Suchprozess und die klare Erkenntnis, ich will nicht immer fest, aber doch immer wieder etwas Sinnvolles tun und auch Dinge anbieten, die mir Spaß machen. Mittlerweile habe ich mich auf zwei Dinge festgelegt: Ich werde Pilot und Rettungssanitäter. Pilot eher für den Spaß und Rettungssanitäter, weil es für mich riesengroßen Sinn macht.

Das sind ja zwei eher ungewöhnliche Berufsentscheidungen. Wie bist Du darauf gekommen? 

„Richtiger“ Pilot bin ich eigentlich schon seit ein paar Jahren. Allerdings „nur“ Privat-Pilot. Ich kann und darf alle Flugzeuge fliegen und darf auch Personen mitnehmen. Ich darf aber eben nicht beruflich fliegen. Salopp gesagt heißt dies: Ich darf keinerlei Geld als Pilot verdienen.

Das Fliegen hat mich gefesselt. Während 2015 und 2016 noch herantasten waren, bin ich im Sommer 2017 so viel geflogen wie noch nie zuvor. Ich habe unzählige Menschen die Welt von oben gezeigt, indem ich sie gegen reine Kostenbeteiligung am Flugzeug mit in die Luft genommen habe. Das Fliegen hat mich hierbei so gefesselt, dass ich mich absolut unvernünftig und spontan dazu entschieden habe eine Ausbildung zum sogenannten „Verkehrsflugzeugführer“ zu beginnen, also zum Berufspiloten. Was ich damit vor habe? Auf keinen Fall ist mein aktuelles Ziel einen Airbus nach Mallorca oder noch weiter zu fliegen. Ich will bei kleineren Maschinen bleiben und auch keinen Vollzeitjob annehmen. Ich plane den Hochsommer damit zu verbringen am Wochenende Fallschirmspringer in die Luft zu befördern, reiche und sehr reiche Leute spontan ein paar Tage nach Sylt oder Paris zu fliegen und vor allem möchte ich das Flugzeug für mich selbst noch häufiger nutzen, als ich es bisher konnte. Denn mit meiner aktuellen Lizenz kann ich lediglich bei gutem Wetter fliegen. Sobald Nebel herrscht nicht mehr. Nach Erwerb der ATPL-Lizenz geht das. Die Ausbildung ist auch der Grund, warum ich wieder in Phuket bin: Ich lerne aktuell im Selbststudium das Theorie-Wissen.

Und was ist das mit dem Rettungssanitäter?

Pascal als RettungssanitäterJa, dazu bin ich tatsächlich unerwarteter als die Jungfrau zum Kinde gekommen.  Als weltoffener Mensch schaue ich mir generell immer alles an: Und so fragte mich ein guter Freund, ob ich nicht mal eine Schicht 3. Mann auf einem Rettungswagen mitfahren möchte. Nichts anfassen, nur zuschauen. Oder wegschauen. Je nachdem, wie schlimm es ist. Erst hab ich ihn ausgelacht, dann bin ich mitgefahren. Noch am selben Tag fragte ich kleinlaut, ob ich noch mal mitfahren dürfte. Noch in der selben Woche fragte mein Kumpel seinen Chef ob „der bekloppte Tätowierte“ regelmäßig mitfahren darf. „Einfach nur so? Ohne Geld? Nachtdienste? Eklige Anblicke? Übelriechende Flüssigkeiten jedweder Art? Warum sollte jemand das freiwillig wollen?“ Nun ja. Im Endeffekt stimmte der Chef zu und ich probierte jeden möglichen Tag als ehrenamtlicher Praktikant auf dem Rettungswagen zu sitzen. Viele, viele Einsätze sind nicht ansatzweise so lebensbedrohlich, wie man es sich vorstellt. Dies führte dazu, dass ich bereits nach wenigen Wochen sehr viele Dinge, welche für einen Praktikanten erlaubt sind, durchführen konnte. So schwer ist dies auch gar nicht. Denn ein Großteil der Betreuung ist lediglich das Beruhigen von verängstigten Personen in Ausnahmesituationen. Mein ausgebildeter Kollege versorgt die blutspritzende Wunde schnell medizinisch. Und ich rede dem Patienten dann auf der Fahrt ins Krankenhaus gut zu. Das klappt häufig sehr gut. Wenn ich natürlich auch – insbesondere als Anfänger – häufig an meine Grenzen gekommen bin.

Ich habe selten in meinem Leben eine solch befriedigende und tolle Tätigkeit getan. Der Rettungsdienst-Gott hat es bisher gut mit mir gemeint. Wie es der Zufall wollte, ich wurde in aushaltbaren Dosen in diesen Job eingeführt. Von aushaltbarem Elend zu immer mehr Elend, von wenig Blut zu sehr viel Blut. Von dramatischen Einzelschicksalen zu schwer zu ertragenden menschlichen Tragödien. Und ich lerne bei nahezu jedem Einsatz, und vor allem jeden Patienten, so unheimlich viel. Ich erinnere mich noch heute an die ältere Dame, welche eine Krankheit im Endstadium hatte und die wir austherapiert vom Krankenhaus ins Hospiz gefahren habe. Die Fahrt war lang, wir hatten ein sehr intensives und tolles Gespräch. Ich habe von dieser Dame in den 1,5 Stunden mehr über das Leben gelernt als in dem gesamten Sommer davor. Beim Verlassen des Zimmers verabschiedete ich mich von ihr, wie ich es aus Routine seit Jahrzehnten tue: „Auf Wiedersehen, Frau Müller.“ Doch die taffe Dame entgegnete sehr schnell: „Wir werden uns nicht wiedersehen. Wenn Sie das nächste mal hier sind, bin ich nicht mehr da. Ich habe heute mit Ihnen die letzte Fahrt in meinem Leben gehabt. Und die Bäume sahen so schön aus, wie sie vorbeigezogen sind. Machen Sie es gut.“

Ich habe mir bereits sehr früh angewöhnt, solche Dinge in diesem Moment ganz schnell zu vergessen oder mit schwarzen Humor zu überspielen, sonst bleibt man irgendwie ungewollt drauf hängen. Aber immer mal wieder denke ich an solche Momente zurück. Und sie geben mir verdammt viel Zufriedenheit und Kraft. Denn ich ärgere mich gerade mit Porsche herum, weil ein neuer 911er eine verdammt lange Lieferzeit hat. Ich will diesen verfluchten Sommer mit dem Cabrio zur Eisdiele fahren und nicht erst nächstes Jahr. Außerdem möchte ich mir ein Flugzeug kaufen, aber der Verkäufer besteht auf seinen Preis, obwohl ich ihm ein faires Angebot gemacht habe. Heute morgen am Strand bin ich auf einen blöden spitzen Stein getreten und der Schweiß in den Augen durch die viele Sonne nervt. Und obwohl ich gestern Abend frische Austern extra im Restaurant vorbestellt habe, hat sich das Restaurant wirklich gewagt mir einen Hummer stattdessen zu servieren. Dies sind – und ich bedaure es wirklich – meine Alltagsprobleme. Ich bin kerngesund. Mir tut nichts weh. Ich habe mehr Geld als ich brauche. Ich lebe jeden Tag an den allerschönsten Orten der Welt. Ich bin von nichts und niemanden abhängig. Und ich bin so unglaublich dankbar für die Erfahrungen, die ich beim Rettungsdienst mitnehmen kann. Denn sie erden mich und nebenbei kann ich Menschen, die sich in sehr schwierigen Situationen befinden, vielleicht ein ganz klein wenig helfen.

Ach ja: Mir hat das ganze so gut gefallen, dass ich mich – zusätzlich zur Ausbildung zum Berufspiloten – für eine Ausbildung zum Rettungssanitäter angemeldet habe, welche ich sofort beginne, sobald ich zurück in Deutschland bin.

Kurze Zwischenfrage zur Hummer und den Austern. Du hast eben noch beschrieben, dass Du die Einfachheit und Minimalismus immer wichtiger findest. Das passt für mich jetzt gerade nicht richtig zusammen.

Ganz explizit bedeutet Minimalismus für mich nicht günstig, sondern meistens einfach wenig.  Austern und Porsche widersprechen sich daher für mich nicht im aller Geringsten mit meinem Verständnis von Minimalismus. Ich hatte früher mal elf Fahrzeuge. das ging mir tierisch auf die Nerven. Weil sie mich in Anspruch genommen haben. Ob ich nun aber einen Smart oder einen Porsche für 150.000 € besitze, ist für mich persönlich exakt dieselbe Ebene meines Minimalismus. Hauptsache es ist „wenig“.

Nun bist Du noch in Thailand und planst Ausbildungen in Deutschland. Wie machst Du das?

Aktuell bin ich noch bis Mai in Thailand, wo ich im Selbststudium für meinen Berufspiloten lerne. Auch habe ich wieder zwei Vorlesungen an der Hochschule Stuttgart angenommen und betreue mehrere Bachelor-Arbeiten von Thailand aus. So werde ich nach meiner Rückkehr aus Thailand dort Vorlesungen halten um dann in Vollzeit meine Ausbildung zum Rettungssanitäter zu beginnen. Sollte ich wochenweise freie Tage haben (die Ausbildung zum Rettungssanitäter findet in Schule, Krankenhaus und Rettungswache modular statt), werde ich diese Zeit zum Fliegen nutzen und hoffentlich wieder vielen Menschen die Welt von oben zeigen.

Ab dem Herbst 2018 bis zum Frühsommer 2019 habe ich bereits wieder dasselbe Haus in Thailand gebucht.

Für 2018 steht also der erfolgreiche Abschluss zum Sanitäter an, was glücklicherweise auch das ganze normale Mitfahren als Azubi beinhaltet. Meine Piloten-Ausbildung werde ich nicht vor Sommer 2019, evtl. sogar erst 2020 abgeschlossen bekommen. Hier hab ich aber auch keine Eile.

Oktober 2018 – Mai 2019 möchte ich meine Ausbildung zum Tauchlehrer beginnen und abschließen und als selbiger in Thailand jobben.

Ab dem Jahr 2020 plane ich mein Leben dann folgendermaßen aufzuteilen:

Mai: Halten einer Vorlesung an der Hochschule Stuttgart

Mai – September: Jobben als Pilot (Rundflüge, ab und an Sylt-Flüge, ein paar Fallschirmspringer abwerfen, etc.) und ab und zu ehrenamtliches Arbeiten als Rettungssanitäter

September – Mai: Leben in Thailand und ab und zu ehrenamtlich jobben als Tauchlehrer und evtl. ein wenig Reisen

Erstmalig gibt es wieder einen Plan in meinem Leben. 🙂 Ich freu mich so mega, dass ich nach langem Suchen doch zwei „Jobs“ gefunden haben, welche ich mit meinen vielen Reisen flexibel gestalten kann. Das Arbeiten als Rettungssanitäter ist sehr problemlos „on/off“ möglich. Man gibt seine möglichen Arbeitstage an und kann drei Monate arbeiten und ist neun Monate auf Reisen. Kommt man zurück nach Deutschland, kann man direkt wieder anfangen. Man fährt sowieso in vielen Schichten mit neuen Kollegen. Und man verpasst keinerlei gravierenden Dinge innerhalb eines Jahres, die man nicht in zwei Schichten wieder nachgeholt und verstanden hat. 🙂 Die Fliegerei ist sowieso ein Saison-Geschäft. Als Pilot, der nur ein paar Sommer-Monate arbeiten möchte, bin ich also nicht nur akzeptiert sondern sogar extrem willkommen.

Arbeiten insgesamt ist auch eine verdammt coole Sache, wenn man es nicht wegen des Geldes macht. Mit meiner Fliegerei werde ich wohl nie etwas verdienen, möchte ich auch nicht. Wenn ich 70-80% meines Hobbys refinanziert bekomme, bin ich schon glücklich. Die >100.000 €, die ich nun für die Ausbildung zum Berufspiloten bezahle, werde ich wohl nicht reinbekommen.

Die Ausbildung zum Rettungssanitäter (aber glücklicherweise nur ca. 2.000,- €) muss ich ebenso selbst bezahlen. Aber auch dies tu ich extrem gerne.

Lieber Pascal, ich wünsch Dir alles Gute und kann richtig gut nachvollziehen, dass es toll ist, wenn man im Leben Herausforderungen hat. Danke Dir für die offenen Einblicke in Dein aufregendes Leben. 

 

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