Keine Arbeit? Was dann?

Wann immer ich von meinem Buchprojekt erzählt habe, war die erste Frage, die mir gestellt wurde, die nach der fehlenden Arbeit. Manchmal neugierig, manchmal aggressiv. Besonders wenn Menschen ablehnend aggressiv reagiert haben, habe ich mich immer gefragt, warum sie das tun. Und genau kann ich es auch immer noch nicht fassen. Vielleicht ist der Gedankengang, dass man im Leben arbeiten muss, so tief verwurzelt, dass alleine der Plan, dies nicht zu tun, schon eine Provokation ist. Vielleicht macht er auch Angst, weil wir selber gar nicht mehr wissen, was wir mit der vielen Zeit machen würden. Die Sorge vor Langeweile und Sinnlosigkeit macht sich dann breit. Genau weiß ich es nicht. In jedem Fall steht die Frage für viele im Raum. Was tun, wenn man nicht mehr arbeitet. Die Frage wird übrigens gar nicht von Menschen gestellt, die sich bereits auf den Weg zur finanziellen Freiheit gemacht haben. Im Gegenteil. Die Zeit ohne Erwerbsarbeit steht wie eine Verheißung vor ihnen. Nicht, weil sie auf der Couch sitzen wollen und fernsehen. Es gibt viele Ideen von Reisen, über das Restaurieren von Bauernhöfen bis zum Schreiben von Blogs und Büchern. Die Fragezeichen entstehen eher bei denen, die sich bisher keine Gedanken gemacht haben. Und die sich auch keine Gedanken machen wollen. Warum? Ich kann nur vermuten. Aber vielleicht kommt diese Ablehnung daher, dass man sich mit viel Mühe sein tägliches Berufsleben abringt. Und dann kommt da jemand daher, der sich dem entzieht. Einfach so. Um ein Buch zu schreiben. In aller Ruhe. Und im Garten Gemüse anzubauen. Ja, da kommt doch Neid und Wut und was auch immer auf. Um sich mit solchen Emotionen nicht auseinandersetzen zu müssen, ist die Reaktion dann eher ablehnend. „Ich würde das nicht wollen, nicht mehr arbeiten. Ich arbeite schließlich gerne und sonst hätte das Leben ja gar keinen Sinn, wenn man nichts mehr macht“.

Wie war das bei unseren Vorfahren?
Meine Großmütter haben beide nicht gearbeitet. Meine Schwiegermutter auch nicht. Sie haben Kinder großgezogen, zum Teil mit der Hilfe von Kindermädchen. Sie haben viel im Haushalt und im Garten gemacht. Sie haben Dinge repariert, genäht und gebastelt. Gemüse und Obst wurde geerntet, gekocht, eingemacht und getrocknet. Die Frage, was tust Du, wenn Du nicht mehr arbeitest, hätten sie nicht verstanden. Eben weil sie viel gearbeitet haben. Aber eben keine Erwerbsarbeit im Sinne wie wir es heute kennen. Ich will nun nicht für die Zukunft propagieren, dass Frauen wieder an den heimischen Herd gehören. Aber ich finde, wir dürfen uns mehr Gedanken zur Wahlfreiheit machen. Wir dürfen darüber nachdenken, wie wir leben wollen. Ob wir uns dann für die damals ja auch schon sehr strikte Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, Erwerbsarbeit und Haushalt entscheiden oder ob wir neue kreative Wege finden, sei dahingestellt. Ich finde bloß spannend, dass es wahrscheinlich viele Menschen gibt, die noch Frauen mit ganz anderen Lebensentwürfen kennenlernen durften, die dies aber für sich selbst als absurd von sich weisen.

Auch aus der Historienbeschreibung des letzten Kapitels geht hervor, dass Menschen vielen anderen Dingen nachgegangen sind und dies spannender fanden als arbeiten. Welchen Dingen man nachgehen kann? Das ist vielfältig, wo immer die Neugierde einen hintreibt. Ob dies die Programmierung eines Computerprogramms ist, die Bewältigung eines Marathons oder die Aneignung handwerklicher Fähigkeiten, es gibt einfach unendlich viele Herausforderungen in dieser Welt. Ganz nebenbei: Viele Entdeckungen wären vielleicht nie gemacht worden, wenn nicht Menschen ihrer Neugierde nachgegangen wären. Ohne Erwerbsarbeit und ohne Gewinnerzielungsabsicht.

Arbeit bedeutet mehr als Gelderwerb
Einen Haken hat das Wählen von anderen Lebensentwürfen in unserer heutigen Gesellschaft. Sie ist so geprägt von der Erwerbsarbeit, möglichst Vollzeit, dass andere Lebensentwürfe maximal erstaunte Bewunderung erfahren. Nun ist es ein menschliches Bedürfnis anerkannt und gesehen zu werden, sowie sich anderen Menschen zugehörig zu fühlen.

Unser bisheriges Umfeld wird uns diese Anerkennung möglicherweise versagen, wenn wir sagen, wie steigen aus. Ich kann als ehemalige Geschäftsführerin auch sagen, es hat zwar nie jemand so genau gewusst, was ich da eigentlich gemacht habe, aber aufgrund des Titels habe ich automatisch eine hohe gesellschaftliche Anerkennung genossen. Diese habe ich in meinen acht Jahren als Coach nie wieder erlebt. Bei meiner letzteren Tätigkeit wurde ich auch nie gefragt: Ach, davon kann man leben? Das ist nicht die Anerkennung und Wertschätzung, die man sich so wünscht. Der Begriff Privatier war früher gängig. Heute würde ihn kein finanziell freier Mensch nutzen. Er würde dafür Verwunderung ernten, aber sicherlich selten Bewunderung und Wertschätzung.