Ein Interview

Monika ist seit vier Jahren finanziell frei

(gekürztes Interview)

Monika kenne ich schon eine Weile über unsere Geldgespräche und den Blog Klunkerchen.com. Sie ist 49 Jahre alt und seit vier Jahren finanziell frei. Da wir uns schon näher kennen, konnte ich einige Fragen mehr in meiner Rolle als Coach stellen und etwas tiefer nachbohren. Ich bin immer auf der Suche nach Glaubenssätzen und versteckten Blockaden. Und bin sehr dankbar, dass Monika sich auch in diesem Gespräch sehr offen gezeigt hat.

Monika, ich freu mich sehr, dass ich Dich hier in Deinem schönen Häuschen besuchen durfte. Erzähl uns ein bisschen von Dir. Wie wäre es mit einer kleinen Beschreibung, wie Du lebst?

Na ja, ein bisschen siehst Du das ja schon. Ich lebe mit meinem Mann in einem relativ bescheidenen Reihenhaus mit Garten. Der Garten ist mir sehr wichtig, weil ich super gerne Gartenarbeit mache und mich auch gerne draußen aufhalte. Nebenan wohnt eine gute Freundin, mit der ich mich meistens gut verstehe. Sie hat drei Kinder und diese drei gehen munter bei uns ein und aus. Das ist toll.

Du hast 2015 ein Buch veröffentlicht, in welchem Du Deinen Weg zur finanziellen Freiheit beschrieben hast. Kannst Du den Weg nochmal hier zusammenfassen?

Nun, eigentlich habe ich es genauso gemacht, wie es immer empfohlen wird. Bloß dass ich diese Empfehlungen nicht kannte (lacht). Ich habe mir mit 18 ausgerechnet, wieviel Geld ich verdienen und sparen muss, um mit 40 keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen zu müssen. Das war damals übrigens mehr ein Rechenspiel, aber es kam dabei raus, dass es möglich ist. Ich glaube, dass dies sonst nicht viele Menschen glauben. In Folge auch nicht danach streben. Ich habe es jetzt auch nicht zu meinem ausschließlichen Credo gemacht. Dennoch habe ich recht sparsam gelebt und war immer dran interessiert herauszufinden, mit welchen Projekten ich zusätzliches Geld verdienen konnte. Bei den Investitionen mit dem gesparten Geld habe ich gute Anlageformen gewählt und weniger gute. Die wichtigste Investition war ein halbes Mietshaus, was ich mit 28 gekauft habe. Das war eine aufregende, vielleicht auch leichtsinnige Investition. Es hat mich auch einiges an Nerven gekostet. Aber eben auch reich gemacht. Heute können mein Mann und ich unsere Grundlebenshaltungskosten gut von den Mieteinnahmen decken. Das ist das, was ich finanzielle Freiheit nenne.

Hattest Du Vorbilder?

Nein, eigentlich nicht. Frauen in meiner Familie waren eher negative Vorbilder. Sie haben sich alle sehr wenig für Geld interessiert und dies alles ihren Männern überlassen. Schon früh ist da mein Entschluss gereift, dass ich auf jeden Fall finanziell auf eigenen Beinen stehen will. Später konnte ich mir auch vorstellen, die Ernährerin einer Familie zu sein. Für meinen Mann und mich habe ich das dann auch umgesetzt.

Nochmal zurück zu Deinem Mietshaus, was genau war da so anstrengend?

Im Vergleich zur Investition in irgendwelche sterile Finanzprodukte hat man es bei Mietswohnung mit Menschen zu tun. Den Mietern, manchmal auch der Hausverwaltung und anderen Eigentümern. Besonders die Mieter haben einfach grundsätzlich ein anderes Interesse als die Vermieter. Man kann versuchen, fair zu sein. Aber wenn man auch seine eigenen Interessen wahren will, dann muss man eben auch manchmal härter sein. Und es aushalten, dass die andere Seite andere Vorstellungen hat. Aber mal konkret: Ich hatte es in den 20 Jahren Mietshaus einmal mit einer Mietnomadin zu tun, habe einiges an Wasserschäden erlebt, unfähige Handwerker kennengelernt und nervige Diskussionen zu Nebenkostenabrechnungen aushalten müssen.

Bereust Du es, den Kauf getätigt zu haben?

Heute nicht mehr. In den letzten 20 Jahren aber immer wieder. Ich bin damals mit 28 eher zufällig in den Kauf reingerutscht. Und war zu stolz, um irgendwo im Kaufverhandlungsprozess auszusteigen. Letztlich hat es mich damals aber schon sehr überfordert. Jedes Mal, wenn wieder eine neue Panne passiert ist oder eine andere Partei versucht hat, mit mir zu streiten, kamen diese Überforderungsgefühle hoch und ich hätte meine fünf Wohnungen am liebsten auf einen Schlag verkauft. Nun eignen sich Immobilien aber nicht für finanzielle Bauch-Schnellschuss-Entscheidungen. Würde ich alle Wohnungen gleichzeitig verkaufen, würden die Gewinne steuerpflichtig werden. Letztlich hat es sich ausgezahlt, die Wohnungen recht lange zu behalten. Im letzten Jahr habe ich dann erstmals eine Wohnung nur aus Gewinnaspekten verkauft. Der Kaufpreis war einfach zu verlockend und die Mieter hatten mich genervt. Allerdings muss ich selbstkritisch sagen, dass die Rendite aus den vom Geld gekauften ETFs und Aktien jetzt auch nicht besser, sondern eher schlechter sind. Ich verstehe dies als Startschwierigkeiten. Auch beim Hauskauf hat sich der Wert des Hauses am Anfang eher nach unten entwickelt, erst über die Jahre wurde es ein ganz gutes Geschäft.

Deine Wohnungen sind schuldenfrei, wie hast Du das innerhalb von 20 Jahren geschafft?

Sparen, sparen, sparen. Nein, dass war es nicht nur. Ich hatte damals den Kredit in drei Chargen aufgeteilt. In 5, 10 und 15 Jahre. Vor 20 Jahren waren die Zinsen deutlich höher, mit jeder neuen Finanzierungsrunde wurden die kurzfristigeren Kredite günstiger. Dazu kamen auf der Einnahmenseite Mieterhöhungen. Wahlweise innerhalb der gesetzlichen Regelung bei den Bestandsmietern oder etwas höhere Schritte, wenn neue Mieter einzogen. Solange ich angestellt gearbeitet habe, konnte ich alles überschüssige Geld investieren und zu den Fälligkeitsterminen in die Tilgung der Kredite stecken. Das überschüssige Geld waren übrigens nicht nur die Überschüsse aus den Mieten. Ich habe auch viel gespart. Ich habe in einer relativ kleinen Wohnung gelebt, hatte kein Auto und habe viel Freude daran, sparsam zu leben. Eigentlich habe ich meinen Lebensstandard nicht sehr erhöht, seit ich studiert habe. Wurde aber als Abteilungsleiterin bezahlt. Die Differenz habe ich gespart.

Wie hast Du Dein Geld jenseits der Immobilien investiert?

Ein Großteil habe ich in festverzinsliche Anlagen investiert. Das hat sich damals noch gelohnt, ich erinnere mich an Festgeld für fünf Jahre für 5 % Zinsen. Das fand ich okay. Zum Teil habe ich mir auch Fonds aufschwatzen lassen. Das war nie wirklich erfolgreich. Da ich aber wusste, ich brauche das Geld wieder in drei oder fünf Jahren, habe ich eher die Festgeldvariante gewählt und dann getilgt. Bei dem letzten großen Kredit hat dann auch noch mein Vater geholfen, der bei einem Aktiendeal viel Geld erwirtschaftet hatte und der schönen Meinung war, lieber Geld mit warmen Händen weiter zu reichen. Mit seinen 80.000 € und meinem eigenen Geld war dann tatsächlich der letzte größere Kredit vor etwa vier Jahren abgezahlt. Damit waren die Mieteinnahmen meine und ich konnte darüber nachdenken, mein Leben neu zu gestalten.

Wie muss man sich Dein finanziell freies Leben vorstellen?

Ich kann Dir da keine dauerhafte Beschreibung geben. Es verändert sich ständig. Vor der finanziellen Freiheit habe ich erst in einem Unternehmen und dann selbständig als Nachhaltigkeitsberaterin gearbeitet. Ja und da habe ich immer noch mit einigen Lieblingskunden zu tun, die immer wieder irgendein Papier, einen Rat oder einen Workshop mit mir wollen. Da ich so gut wie keine Akquise mache, hält sich die Nachfrage in Grenzen. Die bediene ich dann meistens auch. Und in der Dosierung macht mir das Spaß.

Was meinst Du, wieviel Stunden sind das in der Woche, die Du für die Nachhaltigkeitsberatung unterwegs bist?

Also wenn ich nur zuhause am Schreibtisch arbeite, nicht mehr als etwa zehn Stunden in der Woche. Manchmal auch nur fünf oder gar keine. Wenn ich dann allerdings einen Workshop gebe, dann dauert der ein bis zwei Tage und es kommt die Vorbereitung dazu. Im Durchschnitt kommen Workshops aber nur einmal im Monat vor. Das ist schon okay. Außerdem gebe ich Yogastunden. Zweimal die Woche abends und einmal vormittags. Genau das Pensum, um auch selbst fit zu bleiben.

Was machst Du mit Deiner restlichen Zeit?

Manchmal habe ich den Eindruck, die verfliegt. Wir machen uns morgens keine Eile. Sitzen lange am Frühstückstisch, um zu reden oder jeder ein Buch zu lesen. Wenn das Wetter gut ist, gehe ich dann gerne in den Garten. Mein Mann hilft mir gerne bei den schweren Arbeiten, sonst ist der Garten aber eindeutig mein Revier. Nachmittags sind oft die Kinder meiner Freundin bei uns. Sie arbeitet länger und ich kümmere mich dann, dass sie ihre Hausaufgaben machen oder bringe die Kleine zum Musikunterricht. Zwischendurch geht auch immer wieder Zeit für unseren Blog Klunkerchen drauf, für den ich wirklich gerne schreibe. Und ich bin auch sonst viel im Internet unterwegs. Besonders die Planung von Reisen kann tierisch zeitaufwendig werden, wenn man diese Zeit hat.

Ein gutes Stichwort: Reisen. Das ist doch immer das Klischee, oder? Finanziell freie Menschen liegen immer am Strand in der Sonne. Ist das bei Dir auch so?

Nein. Aber wir sind schon recht oft weg. Nie länger als vier Wochen. Das liegt an unseren Eltern. Besonders meiner Schwiegermutter, die über 90 ist. Mein Mann will einfach nicht zu lange von ihr weg sein. Wir sind im Durchschnitt einmal im Jahr größer unterwegs und darüber hinaus dann immer mal noch eine Woche an der Ostsee oder auch mal in Venedig oder so.

Hast Du vor vier Jahren gleich Deine ganze Arbeit aufgegeben?

Nein, am Anfang war das gar keine Option. Ich habe einfach nur sehr viel konsequenter geschaut, was Spaß oder Sinn macht. Ich vertrete jetzt nicht so eine Spaßthese, dass immer alles bei der Arbeit Spaß machen muss. Aber Sinn schon! Außerdem war es mir zunächst erstmal unvorstellbar, ohne Erwerbsarbeit mein Leben zu gestalten.

Du sagst zunächst, hat sich da was verändert?

Ja, hat es. Mittlerweile denke ich über Arbeit für Geld immer kritischer nach. Ich kann mir heute viel mehr ein Leben ohne Erwerbsarbeit vorstellen. Das soll nicht heißen, dass ich nicht weiterhin was schaffen möchte. Meine Intelligenz, meine Kreativität und mein Wissen darf gerne zum Einsatz kommen. Aber es muss nicht das Tauschmittel Geld sein, für das ich meine Fähigkeiten zur Verfügung stelle. Der Tausch darf sozusagen breiter werden. Ich erlaube mir, mehr Zeit in Aktivitäten zu stecken, die sich nicht wirklich rechnen. Ich gebe beispielsweise abends Yoga-Unterricht für Mädchen aus einer Gesamtschule. Viele haben davon so gut wie kein Geld. Also zahlen sie für eine Yogastunde 50 Cent. Klar, davon könnte ich eigentlich nicht mal den Raum finanzieren. Uns macht es aber allen irrsinnigen Spaß und warum sollte ich das dann nicht tun. Ich habe viele Jahre in meinem Leben mit der Frage „Rechnet sich das?“ verbracht. Die Frage ist sozusagen in mein eigenes Wertesystem übergegangen. Da neue Werte reinzubringen, das ist gar nicht so einfach. Aber ich erlebe mich auf einem guten Weg.

In diesem Jahr habe ich auch meinen Garten nochmal ganz anders entdeckt. Ich bewirtschafte ihn schon seit 11 Jahren, aber dieses Jahr bin ich es nochmal etwas intensiver angegangen. Die Arbeit hat sich ausgezahlt. Wir konnten seit Mai gemüsetechnisch aus dem Garten leben. Jetzt ist schon Mitte September und ich ernte immer noch Tomaten und Zucchini. Die anderen Sachen sind abgeerntet und wahlweise eingefroren oder eingemacht. Ich weiß, ich spare damit nicht super viel Geld. Aber es ist ein tolles Gefühl, vor dem Abendessen kurz in den Garten zu gehen und das Gemüse frisch zu ernten. Diese Arbeit, die möchte ich gerne noch ausbauen.

Hast Du eine Idee, wo dein Lebensweg dich noch hinführt?

Also zwischendurch war ich so erschöpft, dass ich Phasen hatte, wo ich dachte, ich verbringe mein restliches Leben auf der Couch. Zum einen ist dies inzwischen wieder besser, zum anderen habe ich gelernt, dass eine bestimmte Art der Erschöpfung mit den Wechseljahren einhergehen kann und auf diesem wechselhaften Weg bin ich eh gerade. Die Erkenntnis, dass es sich hier um temporäre Erscheinungen der Wechseljahre handeln kann, hat mich sehr entspannt. Eine Vision, die mich bis ans Ende meiner Tage auf der Couch sieht, hört sich für mich eher gruselig an. Meine Vision vom Leben ist derzeit eher eine, bei der ich schon weiterhin aktiv bin. Für Geld und ohne, aber immer mit Sinn. Da können auch mal einige Jahre dabei sein, in denen ich kein Geld verdiene und nur von den Kapitaleinnahmen lebe.

 

 

Wir befriedigen mit unserem Leben ja immer irgendwelche Grundwerte. Welche meinst Du sind die vordringlichen Grundwerte, die bei dir bedient werden?

Ich glaube der gewünschte und bewusst entschiedene Wert ist Freiheit. Ich fand es schon immer abschreckend irgendwo angestellt meine Zeit gegen Geld zu verkaufen. Eine ganze Zeitlang habe ich das gemacht, aber so richtig super fand ich das nicht. Deshalb auch der Plan möglichst schnell finanziell frei zu sein. Ein weiterer Wert, den ich gar nicht so toll finde, der mich aber unbewusst sicherlich auch antreibt ist das Streben nach Sicherheit. Da würde ich mir manchmal mehr Leichtigkeit wünschen. Aber mein eigener Sicherheitsmanager wacht da doch sehr über mich. Das ist dann auch die Angst, es könnte am Ende nicht reichen. Ich habe schon zig Excel-Tabellen gebaut und rauf und runter gerechnet. In Zeiten von inneren Unsicherheiten muss ich die dann öffnen und den Zinssatz ein bisschen nach unten oder oben verschieben.

Hattest Du auf dem Weg zur finanziellen Freiheit größere Probleme und Hindernisse?

Das hört sich jetzt blöd an, aber eigentlich nicht. Klar hatte ich mal Ärger mit meinen Mietimmobilien und bei den anderen Investitionen habe ich Fehler gemacht. Dabei habe ich bei meinem größten Problem, einer Mietnomadin, die ein Jahr keine Miete gezahlt hat, meine beste Lektion gelernt.

Wieso das?

Nun, sie hat ein Jahr in meiner Wohnung gelebt und ich habe sie natürlich regelmäßig brieflich und besonders telefonisch an die ausstehenden Mietzahlungen erinnert. Sie hat mich dann immer vertröstet und die Zahlung für die nächsten Tage angekündigt. Ich habe dann fast manisch mein Online-Konto besucht, es war leider nie Geld von ihr da. Am Anfang konnte ich deswegen schlecht schlafen und war echt blöd drauf. Und dann habe ich irgendwann gelernt, dass es hier nur um eine Geldanlage geht. Ich wusste, dass ich die laufenden Kredite mit den anderen Mieteinnahmen halbwegs bezahlen konnte, ihre Miete lief faktisch schon in die Rücklage. Die fehlende Miete bedeutete also keinerlei Verlust meines Lebenskomforts, sondern war nur eine Delle in meinen Kapitaleinkünften. Mit dieser Sichtweise, der Trennung von persönlichem Konflikt und einem Verlust bei einer Geldanlage bin ich in der darauffolgenden Zeit viel besser gefahren. Die Lektion war also sehr gut, wenn auch nicht gerade billig.

 

Wie verwaltest und investierst Du Dein Vermögen?

Der Großteil meines Vermögens liegt in Immobilien. Die vermieteten werfen eine monatliche Miete von etwa 1.750 € aktuell ab. Dann habe ich noch etwa 120.000 in Aktien und Anleihen angelegt.

Wieviel Arbeit steckst Du in Deine Vermögensverwaltung?

Nun, das variiert sehr. Bei den Immobilien hängt es davon ab, ob jemand was von mir will. Wenn alles gut geht, dann gehe ich einmal im Jahr zur Eigentümerversammlung und reiche die Nebenkostenabrechnung von der Hausverwaltung an die Mieter weiter. Dann kann es bei den Immobilien immer mal zu einem Sonderaufwand kommen. Beispielsweise wenn ein Mieterwechsel ansteht oder irgendwelche Reparaturen gemacht werden müssen. Am anstrengendsten finde ich Streitigkeiten mit den Mietern. Das kommt manchmal bei den Nebenkostenabrechnungen vor. Zumal da eigentlich die Hausverwaltung intransparent arbeitet, ich aber immer als Mittlerin dazwischen hänge.

Für meine Aktien und ETFs schaue ich schon jeden Tag mein Depot an. Auch gerne mehrmals. Dabei tendiere ich dazu, die meisten Werte zu halten. Langfristig. Lange Zeit habe ich dann auch meine Stopp-Loss-Order auslaufen lassen. Das habe ich jetzt wiedereingeführt. Nach dem Brexit habe ich alle Kurse mit einem niedrigeren Stopp-Loss-Kurs ausgestattet. Das würde zwar zum Teil einen knapp dreistelligen Verlust bedeuten, aber ich möchte bei Einzelaktien auch nicht beliebig in den Keller rutschen. Wenn der Aktienmarkt sich weiter nach oben bewegt, muss ich die SL Werte dann wieder anpassen.

Macht Dir die Vermögensverwaltung Spaß?

Ja, eigentlich schon. Also zumindest wenn es gut läuft. Aber auch das Abwägen, für was ich jetzt gerade Geld ausgebe, finde ich interessant. Ich kann mich auch stundenlang mit meinen Excel-Tabellen beschäftigen, die Rendite, die jährlichen Kapitaleinnahmen und ähnliches berechnen.

Was würdest Du Menschen mitgeben, die das Ziel finanzielle Freiheit anstreben?

Zur Erreichung des Ziels ist der Ratschlag einfach: Sparen und das Geld sinnvoll investieren. In Bezug auf das Ziel genau zu schauen, ob man es wirklich erreichen will. Dann finde ich es auch wichtig, sich ein bisschen Gedanken darüber zu machen, wie der eigene „Vorruhestand“ aussehen soll. Wenn ich mit Menschen über finanzielle Freiheit rede, kommen da immer sehr schön urlaubsnahe Vorstellungen zu Tage. „Au ja, nie wieder arbeiten, ich lebe auf einer Insel und kann auch sonst tolle Reisen machen. Stimmt, so kann man das machen.“ Auf einer Insel leben und am Strand kühle Getränke genießen. Das macht vier Wochen lang sicherlich super Spaß. Aber vier Monate? Vier Jahre? Oder noch länger? Für viele ist das dann doch nicht die passende Variante. Die wird bei jedem Menschen anders sein. Sie ist definitiv anders als der Lebensstil vieler Menschen. Die Struktur eines angestellten Lebens fällt weg. Auch Selbständige und Unternehmer haben in der Regel mehr Struktur. Finanzielle freie Menschen müssen den Tag selbst strukturieren. Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, darf und muss ich mir überlegen, was ich heute machen will. Und wie ich meinem Leben Sinn gebe. Natürlich kann ich erst ausgiebig in sozialen Netzwerken surfen, dann ein Computerspiel spielen, um dann auf der Couch ein gutes Buch zu lesen. Das ist toll, wenn man sich ausruhen will. Das ist nach drei Tagen langweilig und nach fünf Tagen furchtbar. Finde zumindest ich. Ich brauche sinnvolle Aufgaben. Für viele ist bei der normalen Arbeit schon die Gehaltszahlung sinnstiftend. Ist es bei mir nicht mehr. Also brauche ich andere Erfolgsmeldungen. Ist es ein gutes Interview mit Dir? Sind es die Klicks oder die Kommentare, die wir bei Klunkerchen erhalten? Ich will nur deutlich machen, dass wir in unserer Gesellschaft sehr orientiert sind, Leistung für Geld zu bringen. Wenn dieses Anerkennungsmoment wegfällt, müssen wir uns auf eine neue Suche begeben. Dabei sind wir ziemlich alleine. Denn die meisten anderen Menschen halten unsere Herausforderungen für echte Luxusprobleme. Ich höre mir das Jammern über die Arbeit an, montags mehr. Freitags weniger. Auch die Tatsache, oder soll ich besser Wahrnehmung sagen, dass das Geld laufend knapp ist, höre ich mir an. Meine Freunde dürfen ein bisschen neidisch sein, dass ich von vielen Reisen berichte. Und je entfernter sie sind, desto mehr dürfen sie mich als aktive Nachhaltigkeitsberaterin wahrnehmen. Das schafft Zugehörigkeit, ich arbeite ja schließlich auch. Das ich dazu diese Woche nur am Mittwoch einen zweistündigen Termin habe, verschweige ich dann halt. Und damit komme ich zum nächsten Punkt, den man vielleicht auch anders lösen kann. Aber er ist, glaube ich ein Thema für finanzielle freie Menschen. Man führt eine Art Doppelleben. Wenn ich neue Menschen kennenlerne, dann kommt unweigerlich die Frage nach dem Beruf. Was soll ich sagen? Ich lebe von meinem Vermögen? Ich bin Privatier? Ich mach nix? Die wenigen Male, die ich das gemacht habe, hat es sich nicht gut angefühlt. Man weckt kein Interesse, sondern eher Ratlosigkeit. Mein Gegenüber scheint große Schwierigkeiten zu bekommen, mich einzuordnen. Es gibt keine Schublade für finanzielle freie Menschen. Es ist definitiv normaler zu sagen, ich bin Nachhaltigkeitsberaterin. Da gibt es spannende Nachfragen, ich kann dazu ja auch viel sagen. Nur die Tatsache, dass ich im Augenblick kaum noch Kunden habe, verschweige ich. Ich verschweige auch, dass ich blogge und Bücher zum Thema Finanzielle Freiheit schreibe. Ja, dass ich eine zweite Identität habe. Würde es sich nicht so blöd anfühlen, hätte ich sie ja auch nicht.

Das hört sich ja fast wie eine Warnung vor der finanziellen Freiheit an. Sollen Menschen jetzt eher aufhören, an der finanziellen Freiheit zu arbeiten?

Nein, so war das nicht gemeint. Vielleicht ist es eher so eine Reaktion auf die vielen neidischen Bemerkungen. Es kann jeder weiterhin an seiner finanziellen Freiheit arbeiten. Zumal nichts endgültig ist. Finanziell freie Menschen können sich jederzeit wieder finanziell abhängig machen. Sie müssen einfach nur den eigenen Lebensstandard gründlich hochschrauben. Dann brauchen sie wieder mehr Geld und schon besteht die Notwendigkeit, sich in die Reihen der Erwerbstätigen einzureihen.

Und für Dich selber, bist Du froh, dass Du die finanzielle Freiheit erreicht hast oder denkst Du auch manchmal darüber nach, Dich wieder in das allgemeine Erwerbsleben einzureihen?

Aber ja, ich bin sehr gerne finanziell frei und begreife dies jeden Tag wieder als neuen Luxus. Es ist anders und über diese Andersartigkeit muss man sich bewusstwerden. Oder man erlebt sie einfach. Aber die zeitlichen Freiheiten sind ein echtes Geschenk. Dennoch erlebe ich immer wieder emotionale Achterbahnen, die sich sehr frei und ausgiebig ausbreiten. Weder habe ich die Beschränkung von zeitlichen Ressourcen noch die Einschränkung meiner Gedanken aufgrund von „Sachzwängen“. Und da geht es dann ab. Manchmal in ganz dunkle Regionen und oft auch in wunderbare Vorstellungen. Beides ist drin und beides ist für mich auch okay. Ich finde, gerade wenn ich mich mit negativen Gedanken und Blockaden beschäftige, lerne ich bei der Suche nach einem Ausweg unglaublich viel. Und ich gehe auch davon aus, dass wir die alle haben. Ich habe den Luxus, sie mir in aller Ruhe anschauen zu dürfen und relativ frei Lösungen finden zu können. Die müssen dann nicht für die Ewigkeit sein, manchmal erweisen sie sich sogar als Irrweg. Ich kann dann aber einfach zurückgehen. Zum klassischen angestellten Erwerbsleben zieht es mich manchmal sogar auch hin. Ich habe die meiste Zeit gerne gearbeitet und manchmal lese ich schon auch sehnsuchtsvoll eine Stellenanzeige. Allerdings gibt es immer ausreichend Rahmenbedingungen von Zeit über Pendelstrecke etc., die mich von einer Bewerbung abhalten. Meine Zeit und meine Freiheit sind mir dann doch eben wichtiger.